von Alois
Reutterer
Ein Wellensittich, eine Katze, ein Hund vor einem
Spiegel: Sie alle kommen niemals auf die „Idee“, dass ihr Spiegelbild, das sie
ja auch sehen, sie selbst sind. Malt man jedoch einem Schimpansen – ohne dass
er es merkt – einen Farbklecks auf die Stirn, so beginnt er, wenn er sich in
einem Spiegel sieht, sofort an seinem Kopf zu kratzen und versucht, den
Farbtupfer zu entfernen. Er weiß also, dass das da drin er selbst ist, er hat
ein einfaches Bild von sich selbst, er hat eine Art Selbstbewusstsein. Das wird
bei den ersten aufrechtgehenden menschenartigen Wesen, die vor 4,5 Millionen
Jahren im Ostafrikanischen Regenwald auftauchten, nicht viel anders gewesen
sein: Auch sie hatten – so dürfen wir aufgrund der relativ geringen Hirngröße
vermuten – nur ein primitives Wissen um sich selbst. Dieses Selbstbewusstsein
ist in der langen Geschichte der Menschheit langsam gewachsen. Doch erst vom
modernen Menschen, dem homo sapiens
kennen wir Mythen, die uns zeigen, dass er schon früh versucht hat, die Welt
und sein Dasein zu erklären und zu verstehen. Hinter den Naturerscheinungen und
Naturgewalten wurden unsichtbare Dämonen und dann Götter vermutet, welche diese
Phänomene hervorbringen und schließlich auch die Welt und den Menschen
geschaffen haben sollten.
Die
„Achsenzeit“
In der Zeit zwischen 800 und 200 vor Christus, im Wesentlichen
aber um 600 v. Chr., traten überall auf der Welt markante Persönlichkeiten auf,
Männer, die die Welt mit ihren Ideen verändert haben. Der deutsche Philosoph
Karl Jaspers hat diese Epoche
wegen ihrer Wichtigkeit für die Geschichte der Menschheit „Achsenzeit“ genannt.
·
In China waren es Lao-tse und Kung-fu-tse, welche eine hochstehende Moral der
Nächstenliebe entwickelten.
·
In Indien formulierte Buddha, der Erleuchtete, seine Lehre –
eine atheistische Religion und pessimistische Weltsicht.
·
In Persien trat der
Religionsstifter Zarathustra auf
und
·
in Israel lebten die
Propheten des Alten Testaments.
So sehr auch alle diese Männer die Geschichte der
Menschheit geprägt haben: aus heutiger Sicht ist etwa zur selben Zeit etwas
noch viel Bedeutsameres im alten Griechenland
passiert.
Hier begann vor nunmehr zweieinhalb Jahrtausenden
das großartigste geistige Unternehmen der Menschheit, die Wissenschaft – ein Unternehmen, das ohne diese bedeutenden Griechen
nicht stattgefunden hätte und das nirgendwo anders auf der Welt gestartet wurde
und aufgrund fehlender Voraussetzungen sich wohl auch gar nicht hätte
entwickeln können.
Bertrand Russell: Warum entstand Wissenschaft nur in Europa?
„Die Philosophie und die
exakte Wissenschaft, wie wir sie heute auffassen, sind griechische
Entdeckungen. Die Entstehung der griechischen Kultur, welche zu diesem
Aufblühen der geistigen Aktivität führte, ist eines der wunderbarsten
Ereignisse in der Geschichte. Weder vorher noch nachher geschah etwas
Ähnliches. Innerhalb kurzer Zeit von zwei Jahrhunderten verströmten die
Griechen eine erstaunliche Fülle von hervorragenden Werken in Kunst, Literatur,
Wissenschaft und Philosophie, welche die allgemeinen Grundlagen der
abendländischen Kultur bilden.
Unter den Kulturen der Welt
kam die griechische ziemlich spät auf. Die ägyptische und die Mesopotamiens
sind um mehrere Jahrtausende älter. Diese ackerbauenden Gesellschaften
entstanden längs den großen Flüssen und wurden von theokratischen Königen,
einer militärischen Aristokratie und von einer mächtigen, über ein verzwicktes
polytheistisches Religionssystem herrschenden Priesterkaste regiert. Die Masse
der Bevölkerung bestand aus Leibeigenen, welche das Land bebauten.
Auch Ägypten wie Babylonien
entwickelten manche Erkenntnisse, die die Griechen später übernahmen. Aber
weder das eine Land noch das andere schuf exakte Wissenschaft und Philosophie.
… Wesentlich ist,… dass die Religion die Verwirklichung des geistigen
Abenteuers in keinem der beiden Länder förderte.
In Ägypten befasste sich
die Religion viel mit dem Weiterleben nach dem Tode. Die Pyramiden sind
monumentale Grabmäler. Astronomische Erkenntnisse waren für erfolgreiche
Voraussagen der Überschwemmungen des Nils notwendig; und außerdem entwickelten
die Priester als Verwalter eine Art von Bilderschrift. Für andere Gebiete
blieben wenig Mittel übrig.“
Das sechste Jahrhundert v. Chr. ist also einer der
bedeutendsten Wendepunkte in der Menschheitsgeschichte. Das Volk der Griechen
wurde zum Träger der weltgeschichtlichen Entwicklung und näherte sich bereits
dem Höhepunkt seiner Geschichte, dem „Goldenen Zeitalter“ des Perikles. Damals vollzog sich der
Schritt vom Mythos zum Logos, von der
bildhaften-magischen Weltdeutung zur
rationalen, vernunftgeleiteten Welterklärung.
Die Griechen hatten zu jener Zeit überall um das
Mittelmeer Kolonien gegründet, etwa 200 an der Zahl. Besonders berühmt waren
die Städte an der kleinasiatischen Küste, in Ionien, in der heutigen Türkei.
Auf schmalem Küstensaum am Westrand Kleinasiens entlang der Ägäis hatten die
Ionier, der genialste griechische Stamm, zwölf blühende Städte gegründet. Hier
endeten die großen Karawanenstraßen, die aus dem Innern des asiatischen
Kontinents kamen, hier wurden die von dort ankommenden Waren auf Schiffe
verladen und nach Griechenland verfrachtet. Mit dem Warenstrom aus dem Osten
kam die Kenntnis vieler kultureller Errungenschaften der asiatischen Völker auf
diesem Wege zu den Griechen. Astronomie und Kalender, Münzen und Gewichte,
vielleicht auch die Schrift, kamen aus dem Osten zunächst zu den
kleinasiatischen Ioniern und wurden von ihnen den übrigen Griechen vermittelt.
Hier gab es offenbar auch eine größere geistige Freiheit als im Mutterland und
speziell in Athen, in dem das traditionelle Denken viel stärker verwurzelt war.
Die südlichste der zwölf ionischen Städte war Milet, im 6. Jahrhundert v. Chr. ein bedeutender Handelshafen und
vielleicht die reichste Stadt der damaligen griechischen Welt. Diese Stadt, in
der sich Rassen, Sprachen und Religionen kreuzten, ist die Geburtsstätte der griechischen und damit auch der abendländischen Wissenschaft und Philosophie.
In Milet wurde der menschliche Geist sich erst
wahrhaft seiner selbst bewusst. „Nachdenkliche Menschen richteten ihren
fragenden Blick nicht länger auf ein kultisches Heiligtum, in der Hoffnung, von
imaginären Göttern eine orakelhafte Antwort zu erhalten; sie traten vielmehr
direkt an die Natur heran, beobachteten das Geschehen und abstrahierten ihre
Beobachtungen zu Deutungen und Gesetzen, zu Weltbildern. Indem sie scheinbar
vertraute Sachverhalte unter einem neuen Gesichtspunkt betrachteten und
überkommenen Vorstellungen eine radikale Absage erteilten, vollzogen die ersten
Philosophen die wohl abenteuerlichste
Kehrtwendung der Geistesgeschichte.“ (Manfred Schlapp in „Versuch
und Irrtum“)
John Burnet:
„Die moderne Naturwissenschaft lässt sich treffend kennzeichnen als das
Nachdenken über die Welt nach Art der Griechen.“
Aber wie hat diese
„Mutation des Geistes“ begonnen?
Im Mythos
wird versucht, das Dasein von Mensch und Welt in bildhaft-anschaulicher Weise
zu erklären. Denn Unerklärliches wirkt bedrohlich. Hinter den
Naturerscheinungen werden menschenartige aber mit übermenschlichen Fähigkeiten
und Kräften versehene Götter vermutet. Die Namen vieler Götter und Helden der
griechischen Sagenwelt sind uns auch heute noch wohlvertraut und selbst die
Wissenschaft, die nun wahrlich nichts von mythologischen Erklärungen der Welt
hält, verwendet ständig Namen griechischer Gottheiten, Helden und
Sagengestalten. Denken wir nur an die Astronomie: Viele Namen von Planeten und
Monden, von Sternen und Sternbildern sind der griechischen Mythologie
entnommen. Uranos, die Marsmonde Phobos und Deimos, die Sternbilder Kassiopeia,
Perseus und Hydra. Aber auch Namen wie Atlas,
Europa, Ödipus, Demeter, Apollo, Aphrodite, Dionysos, Helena, Eros, Kassandra und viele
andere sind bekannte Namen aus den griechischen Götter- und Heldensagen, die in
unsere Umgangssprache Eingang gefunden haben. Die griechische Mythologie ist in
unserer Sprache wahrlich allgegenwärtig.
Homer (9. Jh. V. Chr.)
Eingeleitet wurde die skizzierte geistige Wende
durch einen der größten Dichter der Menschheit, durch Homer, der im 9. Jahrhundert v. Chr. lebte, vorbereitet
wurde und dass eigentlich er als der erste abendländische Philosoph zu gelten
hätte, eine Ehre, die üblicherweise dem Thales
von Milet zuteil wird.
Dank Homer
haben sich die Ionier „von den Göttern erholt“ (Heuser
in „Als die Götter lachen lernten“).
Dieser Dichter war ein Aufklärer, er hat dem Denken Wege gewiesen, auf denen
wir noch heute gehen (oder gehen sollten). Zwar beschreibt Homer das Leben der Götter, aber er
vermenschlicht sie und macht sich fast über sie lustig. Homer hat auch die Seele
abgeschafft oder besser: sie bis zur Unkenntlichkeit verdünnt. Sie rührt sich
während des Lebens überhaupt nicht und entweicht beim Tod als Schatten- oder
Traumbild, um im Totenland eine Schattenexistenz zu führen, eine „Existenz“,
die man nicht so nennen sollte und keineswegs mit einer gediegenen
Unsterblichkeit verwechseln darf. Mit dem Tod ist alles aus. Dieses eine Leben
auf dieser Erde ist das einzige. Nur dieses eine Leben kann gelebt, gestaltet,
genossen und erlitten werden. Das ist die oft gerühmte und noch öfter gerügte „Diesseitigkeit“
Homers und seiner Ionier.
Homers diesseitiger Geist lässt
erstmals aus dem narkotischen Dunst von Mythos und Magie etwas aufsteigen, das
dann in Milet festere Konturen gewinnen wird:
Die nur im Medium der Diesseitigkeit mögliche
Vorstellung einer durch sich selbst existierenden, autonomen Natur. Und damit auch die Vorstellung, die Natur könne
vom Menschen erkannt werden. Um sie
erkennen zu können, muss er gegen allen Geisterglauben den ungeheuren Gedanken
fassen, die Natur sei gesetzlich geordnet, nicht der Spielball von Göttern und
Dämonen. Diese unendlich folgenreiche „Entzauberung der Welt“ hebt an in
Ionien, und sie wird auf den Weg gebracht durch Homer.
Bei Homer heißt
es, Okeanos ist der Ursprung aller
Dinge, auch der Götter. Vielleicht ist hier schon der Satz des Thales vorweggenommen, das Wasser sei
der Ursprung aller Dinge.
Die Frage, woher der Okeanos oder das Wasser kommen,
wird nicht beantwortet. Der Urstoff muss seit ewigen Zeiten anfanglos da sein,
weil ihn andernfalls nur eine anstößige Magie aus dem Nichts hervorgezaubert
haben könnte. Diese These bedeutet eine Vorwegnahme des Satzes von der
Erhaltung der Materie, bzw. Erhaltung der Energie – einem der fundamentalsten
Sätze der Physik. Die Vermutung liegt nahe, dass eine Wissenschaft von der
Natur überall dort nicht entstehen konnte, wo man an eine Erschaffung der Welt glaubte.
Es geht um eine völlige Umkehr der Blick- und
Denkrichtung – weg von unberechenbaren Machinationen unberechenbarer Mächte,
hin zum „Projekt geordnete Natur“. Diese ionische Kehre ist die radikalste
Wende in der menschlichen Geschichte, und sie hat die radikalsten Folgen
gehabt. An ihrem Anfang steht Homer.
Und diesem ionischen Geist verdanken wir das Wiegengeschenk der Rationalität und Wissenschaft. Den Alten war Homer mehr als nur ein Dichter, er war
ihnen „der weiseste der Griechen“, und Philosoph. Wie jeder Philosoph musste Homer destruktiv sein, wie es jeder
echte Philosoph sein muss, der dem Denken neue Bahnen brechen will und dazu das
alte Denken erst einmal ab- und wegschaffen muss.
Die
Vorsokratiker
Die griechischen Denker vor dem berühmten Sokrates nennt man „Vorsokratiker“.
Thales aus Milet (ca. 624 - 546 v.Chr.)
galt den Alten als einer der Sieben
Weisen, er ist einer der Wendepunkte des europäischen Denkens. Mit ihm
beginnt, was wir Wissenschaft nennen.
Er war weitgereist und ermittelte z.B. auch die Höhe
der ägyptischen Pyramiden durch Messung ihres Schattens zu einer bestimmten Tageszeit.
Er fand eine Anzahl grundlegender Lehrsätze der
Mathematik, deren einer noch seinen Namen trägt.
Als
erster erkannte er die Blindheit des Subjekts für sich selbst.
Tugend ist, dass wir niemals tun, was wir an anderen
verurteilen. (Das ist eine Vorwegnahme des Kategorischen Imperativs von Kant!)
Einer der wichtigsten Tage in der Denkgeschichte der
Menschheit ist der 28. Mai 585 v. Chr.: Thales
gelang es nämlich, für dieses Jahr erstmals eine Sonnenfinsternis
vorherzusagen. Wir wissen nicht, ob Thales
je von „Naturgesetzen“ gesprochen hat, aber die Sache selbst muss ihm an diesem
denkwürdigen Tag klar geworden sein.
Die wichtigste Ansicht von Thales ist die Behauptung, die Welt sei aus Wasser
entstanden. Von manchen wird diese These allerdings einem seiner Nachfolger
zugeschrieben.
Heute wissen wir, dass zwar nicht Wasser, aber doch
Wasserstoff tatsächlich das Urelement ist, aus dem in den Sternen alle anderen
chemischen Elemente aufgebaut werden. Die Ansicht aber, alle Materie sei eins,
ist eine ganz achtbare wissenschaftliche Hypothese. Thales hat seine Annahme, der Ursprung aller Dinge sei das Wasser, vermutlich aus der Beobachtung
abgeleitet, dass das Meer an dem er ja lebte, voller Leben ist, dass alles
Leben Wasser benötigt und er sah, wie die Sonne das Wasser verdunstet, wie sich
daraus Nebel bildet, der sich wieder in Form von Regen niederschlägt. Die Erde
ist also eine Art konzentriertes Wasser. Es ist eine hervorragende Leistung,
entdeckt zu haben, dass eine Substanz dieselbe bleibt bei verschiedenen
Zustandsformen.
Thales behauptete auch, dass die
Gestirne aus ordinärer glühender Erde bestünden – eine Respektlosigkeit
gegenüber der frommen Weisheit Babylons, dass die Gestirne Götter seien.
Anaximandros
aus Milet
(ca. 611 - 545 v.Chr.)
Manchen gilt er als der eigentlicher Begründer der
Philosophie. Auch schrieb er das erste Buch in Prosa. (Das Wort »Philosophie« kommt von philos = Freund und sophia = Weisheit. Der Philosoph ist also ein Freund der Weisheit.)
Die Erde sei, so meinte Anaximander, ein frei im Weltraum schwebender Zylinder, auf
dessen einer Endfläche die Menschen leben.
Dieser Zeitgenosse von Thales nahm an, dass unsere Erde von unzähligen anderen
Welten umgeben sei. Die Welt bedeutete ihm etwas Ähnliches wie unser heutiges
Milchstraßensystem.
Vor allem aber hatte er eine äußerst „moderne“
Ansicht bezüglich der Abstammung des Menschen. Lebewesen entstanden aus dem
Feuchten, von wo sie auf das Trockene wanderten und hier ihre Lebensform
änderten.
Aus der Beobachtung der langen Zeit, welche die
Menschenkinder gepflegt und beschützt werden müssen, zog er den Schluss, dass
der Mensch, falls er immer so gewesen wäre wie heute, nicht hätte überleben
können. Infolgedessen musste er einst anders gewesen sein, d.h. er muss sich
aus einem Tier, das viel früher für sich sorgen kann, entwickelt haben.
Anaximander – der antike Darwin – vertrat die These, dass die
Menschen ursprünglich wie Delfine in fischähnlichen Leibern herangewachsen,
unter dem Einfluss von Wärme zur Reife gekommen und in der Folge an Land
gekrochen seien. Solche Vorstellungen muten heute naiv an. Gleichwohl enthalten
sie die wesentlichen Elemente der Evolutionstheorie.
Auch hat er die Mechanismen der Evolutionslehre Mutation (Erbänderung) und Selektion (Auslese der Tüchtigen) vorweggenommen.
Missgestaltet Lebewesen überleben nicht. Zu den wichtigsten Erkenntnissen der
altgriechischen Naturphilosophen zählt die Einsicht, dass der Mensch nicht das
fertige Produkt eines überirdischen Schöpfungsaktes ist, sondern das Ergebnis
einer langwierigen Evolution, die von definierbaren Naturgesetzen gesteuert
wird.
Diese dynamische Weltsicht wurde freilich durch das
statische Weltbild eines Platon
und Aristoteles, das keinerlei
Entwicklung kennt, verschüttet und
erst nach 2000 Jahren wieder zum Leben erweckt.
Anaximander erkannte auch, dass das
Wasser das Urmilieu allen Lebens ist und sich die ersten Lebensprozesse im
Wasser abgespielt haben. Mehr noch: er übertrug den Entwicklungsgedanken auf
den gesamten Kosmos. Das Universum des Anaximander
war grenzenlos an Ausdehnung und Dauer; es befindet sich in ständigem Wandel.
Alles Geschehen – im Kosmos wie im biologischen Bereich – ist ein endloser
Prozess von Entstehen und Vergehen.
In
der Frage nach dem Urstoff, der arche
aller Dinge, glaubte Anaximander,
seinem Freund Thales nicht folgen
zu können, denn das woraus alles wird, kann selbst nicht schon etwas Bestimmtes
sein. Für ihn war daher der Urstoff das grenzenlos Unbestimmbare, Formlose, das
Apeiron. Die Eigenschaften des
Apeiron können nicht exakt beschrieben werden und aus heutiger Sicht könnte man
es am ehesten mit Energie vergleichen, die ja, wie wir seit Einstein wissen, zu Masse, also Materie
aller Art,
umgewandelt
werden kann. Nach ewigen Gesetzen gehen aus dem Unbestimmt-Grenzenlosen unzählige,
immer neue Welten hervor und kehren wieder in dasselbe zurück. Wir haben hier
eine Theorie des periodischen Wechsels von Weltentstehung und Weltzerstörung,
ein pulsierende Universum und eine Parallelweltentheorie,
wie sie heute wieder diskutiert wird.
Anaximenes aus Milet (ca. 585 - 528 v.Chr.)
Der
dritte der milesischen „Physiker“, führte die Luft als arche ein, wobei man diesen Begriff nicht wörtlich nehmen darf. Anaximander hatte aus dem apeiron die
Gegensätze heraustreten lassen. Nach Anaximenes
kann das Gleichmäßige sich nicht qualitativ
verändern, sondern nur quantitativ:
kraft einer Bewegung kann der Urstoff sich an einem Ort verdichten, an einem andern verdünnen
und so können verschiedene Dinge der Sinnenwelt entstehen. Sie sind der immer gleiche Urstoff in verschiedenen Dichtegraden.
Es war eine geniale Idee, qualitative
Unterschiede auf quantitative
zurückzuführen. Es war ein wichtiger Schritt zur Mathematisierung der „Physik“. Und ebenfalls wichtig: Neben
der Frage nach dem Ur-Stoff stellte
er erstmals die Frage der Ur-Kräfte.
Er
lehrte ebenfalls periodischen Wechsel von Weltentstehung und Weltzerstörung.
Anaximenes hat auch als erster behauptet, dass der Mond sein
Licht von der Sonne bekomme.
Anaximandros und Anaximenes
haben den Begriff der Unendlichkeit erfunden, ohne den weder die Mathematik
noch der Glaube auskommen.
Gemeinsam ist den drei „Physikern“ aus dem
freigeistigen Milet das eine Entscheidende, womit die Wissenschaft erst möglich
wird: dass in ihren Theorien Götter
und Dämonen erstmals ohne Funktion
und Arbeit sind. Die Natur besteht
aus sich selbst heraus und kann aus sich selbst heraus verstanden werden. Es ist ein endgültiger Bruch mit uralten
Animismen und der tiefste Einschnitt in der Geschichte der Menschheit – tiefer
und wirkungsmächtiger als der gleichzeitige Umbruch des Buddha in Indien oder des Zarathustra
in Persien. Die Milesier haben einen neuen Weg gesucht und gefunden: den Weg
der Welterkenntnis anstelle der Gotteserkenntnis. Platon meinte, wer sich der Astronomie und
verwandten Wissenschaften widme, werde zum Atheisten, sobald er zur Erkenntnis
gelangt sei, dass alles aufgrund von notwendigen Ursachen entstehe. Und noch Augustinus, Bischof von Hippo, tadelte um 400 n. Chr. Thales und Anaximander ausdrücklich dafür, dass sie in ihrer Physik dem
Geist Gottes kein Tätigkeitsfeld gelassen hätten.
Homer
- der erste Philosoph (9. Jh. v.Chr.)
Okeanos – Ursprung aller Dinge, auch der Götter
Seele nur ein Traumbild,
Götter vermenschlicht.
Die
3 großen milesischen „Physiker“:
Thales
aus Milet (ca. 624 - 546 v.Chr.)
arche (Urstoff) aller
Dinge ist das Wasser.
Gestirne bestehen aus glühender Erde
Anaximandros
aus Milet (ca. 611 - 545 v.Chr.)
Unzählige Welten, Entwicklung von Kosmos und Leben
arche ist das apeiron
(das Unbestimmbare).
Anaximenes
aus Milet (ca. 585 - 528 v. Chr.)
Urstoff ist die Luft, die Dinge entstehen durch
Verdichtung und Verdünnung.
Qualitative Unterschiede
werden auf quantitative zurückgeführt!
Der Mond bekommt sein
Licht von der Sonne.
Pythagoras von
Samos (ca. 580 - 496 v.Chr.)
Der Name dieses bedeutenden Mannes ist allen
Schülern durch den pythagoreischen Lehrsatz bekannt: a2 + b2
= c2. Ob diese Erkenntnis von ihm stammt, oder ob er sie von den
Babyloniern übernommen hat, ist nicht sicher. Jedenfalls aber spielt für ihn
die Zahl eine große Rolle. Es ist wahrscheinlich, dass er über die Musik zur
Theorie gekommen ist, dass alle Dinge aus Zahlen bestünden, bzw. wie die Töne
nach Verhältnissen der Saitenabschnitte eines Instruments geordnet sind. Pythagoras soll gesagt haben: „Nach Zahl
und Proportion ist dieses All harmonisch zusammengefügt und in rechter Art
geordnet.“ Nicht die Materie – wie für die ionischen Physiker – war für Pythagoras das Wesentliche, sondern die
Form. Er suchte das Geheimnis der Welt nicht im Urstoff, sondern in einem Urgesetz,
nämlich einer unveränderlichen zahlenmäßigen Beziehung unter den Bestandteilen
der Welt, wie sie heute im Periodensystem der Elemente eine wichtige Rolle
spielt.
Der vielfältigen Erscheinungwelt liegt eine abstrakte
Struktur zugrunde, die mit Hilfe der Mathematik beschrieben werden kann. Ist
erst einmal die quantitative Struktur erfasst, so haben wir die
Kontrolle über die Welt. Diese Sichtweise nimmt die Weltauffassung der modernen
Naturwissenschaften, vorweg.
Es ist dieses
pythagoreische Ertasten des quantitativen Aspekts der Natur, das Anfang und
Wegweiser einer Mathematisierung der
Wissenschaft von der Natur und damit einer tiefreichenden Weltveränderung
geworden ist.
Galilei meinte viel später: „Das
Buch der Natur ist in mathematischen Lettern geschrieben.“ Auch Kant hielt viel von der Mathematik. Er
meinte sogar, in jeder Disziplin sei nur so viel Wissenschaft, wie in ihr
Mathematik stecke. Und Einstein
wollte die gesamte Physik auf Mathematik zurückführen.
Die Milesier hatten einen „materialistischen Monismus“ propagiert: Die ganze bunte Welt ist
nichts als die Modifikation eines einzigen Urstoffs. Die Pythagoreer
verkündeten einen „mathematischen Monismus“: Die ganze bunte Welt ist nichts als geronnene Mathematik. Beide
Monismen sind heute noch aktuell. Noch immer suchen die Physiker nach dem „Urstoff“
(bisher sind sie bis zu den „Quarks“ gelangt) und die moderne Kosmologie ist
wesentlich mathematischer Natur.
Pythagoras glaubte wie die Milesier,
dass es viele Welten gebe und er lehrte als erster, dass die Erde eine Kugel
sei.
Nebenbei trat Pythagoras
als eine Art Guru und Sektengründer auf, er selbst sollte nach dem Glauben
seiner Schüler von Apollo
abstammen. Dennoch wurde hier eine neue religiöse Richtung entwickelt und die
alte olympische Religion beiseite geschoben. Insbesondere die von den
Pythagoreern vertretene Seelenwanderungslehre war ein Element, das in der
griechischen Mythologie keinen Platz findet.
Aus dem Dionysoskult war die „Orphik“ entstanden, deren Gründer der sagenhafte Sänger Orpheus aus Thrakien mit seiner
wundersamen Musik gewesen sein soll. Die Orphiker waren – nach Heuser – die ersten Theologen des
Christentums. Der Mensch ist ein Doppelwesen, zusammengesetzt aus einem
sichtbaren Leib und einer unsichtbaren Seele, die weit substanzieller war als Homers flatterndes Traumbild. Diese
Seele sei göttlich und unsterblich. Aus früherer Schuld sei sie in den
miserablen Leib verbannt wie in ein Gefängnis oder Grab. Um die Rückkehr in die
überirdische Heimat zu bewerkstelligen, musste man der Weltlust und dem
Weltschlamm abschwören. Askese und Verzicht auf Fleischnahrung waren oberstes
Gebot. Den Frevler aber erwarten unabsehbare Qualen in einem Abgrund ewiger
Finsternis. Die noch nicht erlösungsreife Seele wird in einen neuen
Elendsleib verbannt und dann vielleicht wieder in
einen neuen usw. - bis sie nach endlich geglückter Reinigung den Kreis der
Wiedergeburten durchbrechen und sich aufschwingen kann zur Gottheit und zur
ewigen Seligkeit. Unsterblichkeit und
Seelenwanderung sind die beiden Zentraldogmen der Orphik.
Die Orphik war etwas radikal Neues im griechischen
Leben: eine weltverneinende Offenbarung aus dem Jenseits, die den ehemals einen
Menschen in zwei feindliche Stücke zerriss, in Leib und Seele; eine
Religionsindustrie, die Erlösungsbedarf weckte und deckte; eine Verkündigung,
die sich dogmatisch auf „heilige Bücher“ stützte, geschlossene Gemeinden
bildete und eine eifernde Mission betrieb.
Pythagoras ließ sich „der Göttliche“
nennen, lehnte jedoch die Bezeichnung eines „Weisen“ ab und nannte sich bloß
einen „Freund der Weisheit“, einen Philosophen.
Parmenides
(540 - 480)
vertritt einen Rationalismus.
Die Sinne sind Quelle allen Irrtums. Die Sinnenwelt ist bloßer Schein. Nur die
Vernunft führt uns zur Wahrheit. Denken
= Sein. Und: Es gibt kein Werden, nur beharrendes Sein. Diese Lehre kann
(zusammen mit pythagoreischen Gedanken) als Vorstufe zu Platons Ideenlehre angesehen werden.
Herakleitos
aus Ephesos
(ca. 544 - 480 v.Chr.)
Heraklit aus der neben Milet
mächtigsten Handelsstadt Kleinasiens war einer der ersten, der lautes Bedenken
am menschlichen Erkenntnisvermögen anmeldete. „Ich erforsche mich selbst“ ist
ein berühmter Ausspruch dieses Denkers. Er war ein Einzelgänger, Verächter der
Masse und ein Feind der Demokratie und erinnert damit an Nietzsche. Er schuf Ansätze für eine
skeptische Philosophie, ja er forderte bereits jene radikale In-Frage-Stellung,
die die späteren Sophisten mit Methode betrieben.
Der „Dunkle“, wie er aufgrund seiner schwer
verständlichen Sprache genannt wurde, war einer der schärfsten Gegner von Pythagoras. Er ist der Philosoph des Werdens. Die Ionier hatten
einseitig den Stoff der Welt, die Pythagoreer einseitig die Form betont,
vergaßen aber den Wechsel, das Werden an Stoff und Form. Alles jedoch ist stets
im Werden begriffen. Nichts ruht. Alles fließt – pantha rei. Alle Dinge
befinden sich im Fluss und im dauernden Wandel. „Wir können nicht zweimal
in denselben Fluss steigen.“ Wo wir etwas Stabiles wahrzunehmen glauben,
täuschen uns die Sinne. Für dieses ewige Werden steht das Bild des Feuers. Und:
Alle Dinge entstehen durch Streit. „Kampf
ist der Vater aller Dinge.“ Überall begegnen wir Gegensätzen: Tag - Nacht,
Winter - Sommer, Krieg - Frieden, Sattheit - Hunger. Gegensätzliches gehört
zusammen.
Damit liefert Heraklit
ein erstes Modell der dialektischen Entwicklungslehre und nimmt damit
insbesondere den Dialektischen Materialismus vorweg, nach dem sich ja auch alles
nach dem Schema von These und Antithese
entwickelt. Heute spricht die Naturwissenschaft von einem dynamischen
Gleichgewicht, das z.B. in jedem Organismus herrscht. Aber auch die Flucht der
Milchstraßen kämpft gegen die kontrahierende Schwerkraft und jeder Satellit,
jeder Mond, jeder Planet umkreist sein Zentrum nur, weil ein Gleichgewicht
besteht zwischen Anziehungs- und Fliehkraft.
Und noch eines hat Heraklit
gesehen: Die Welt verhält sich gemäß strengen Regeln, die er als Logos
bezeichnete. Diese Weltvernunft durchwaltet alles. Die Welt existiert
ungeschaffen seit Ewigkeit.
Symbol für den Logos ist das Urfeuer, eine
Urenergie, die zugleich das Göttliche ist und die Seele ist ein Teil davon.
Nach dem Tode fällt sie in dieses zurück.
Zitat: „Diese Weltordnung, dieselbige für alle
Wesen, schuf weder einer der Götter noch der Menschen, sondern sie war immerdar
und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, erglimmend nach Maßen und
erlöschend nach Maßen.“
Der Logos ist das Maß und die Notwendigkeit, die
alles Geschehen nach strengen Gesetzen regelt. Damit hat Heraklit das vorweggenommen, war wir
heute als Naturgesetze bezeichnen.
Xenophanes aus Kolophon (ca. 570 - 480 v.Chr.)
Mit Xenophanes
wird der Mensch zum Gegenstand wissenschaftlichen Nachdenkens. Es
beginnt eine rationale Anthropologie,
die ohne den rationalen Geist der milesischen Physik schwer vorstellbar ist.
Wie Heraklit
verachtete er die Religion seiner Zeit kämpft aber auch gegen Aber- und
Wunderglauben sowie die Seelenwanderungslehre.
Vor allem verwarf er die herkömmlichen
Göttervorstellungen: Sich die Götter
in Menschengestalt zu denken, sei ein plumper Irrtum: „Völker und Rassen haben
sich ihre ganz verschiedenen Göttervorstellungen nach dem eigenen Bilde selbst
geschaffen. Doch wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen
könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse
rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper
bilden, wie jede Art gerade ihre Form hätte.“ Ähnlich hatte im 19. Jahrhundert
Ludwig Feuerbach Gott als Projektion menschlicher
Eigenschaften betrachtet: „Der Gott des Menschen ist nichts andres als das
vergötterte Wesen des Menschen.“ Es gibt nur einen einzigen Gott, der weder in
Gestalt noch in seinen Gedanken dem Menschen vergleichbar ist. Dieser Gott ist
allgegenwärtig, er ist mit dem Weltganzen identisch: So wurde Xenophanes zum Ahnherrn aller Pantheisten – alles ist Gott oder wie Spinoza sagte, Gott ist gleich Natur,
die Natur ist gleich Gott.
Die griechische Mythologie hatte den Göttern
angedichtet, was nur immer bei den Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen,
Ehebrechen und sich gegenseitig betrügen.
Heuser: „Der Aufklärer von
Kolophon wollte Gott durch Ent-Menschlichung retten und anständig machen. Die
Milesier hatten sich um die Götter wenig gekümmert; ihr Anliegen war ja gerade
gewesen, die Natur gott-los zu machen,
um sie erforschen zu können. Xenophanes
hat es ernst gemeint mit Gott. Das ist Gott nicht gut bekommen, denn der
kolophonische Rationalist hat ihn entfleischt und entbeint, so vergeistigt und
verdünnt, dass er schließlich in Rauch aufgegangen ist.“ Xenophanes ist aber auch Vater einer Erkenntniskritik und des
Skeptizismus. Er misstraut unseren Sinnen. Der gerade Stab,
ins Wasser gesteckt, erscheint geknickt. Wir dürfen
daher nur der Vernunft vertrauen. Wir müssen bescheiden sein und erkennen, dass
wir nicht alles wissen können.
Protagoras aus
Abdera (ca.
481 - 411 v.Chr.)
Protagoras ist der erste und
gleichzeitig bekannteste Vertreter der Sophisten,
jener ersten Lehrer, die für Geld die Kunst der Rede lehrten. Dies sollte den
Zögling befähigen, „sein eigenes Haus möglichst gut zu verwalten und in der
Politik mitzuhandeln und mitzureden“. Wie Xenophanes
und vor ihm schon Heraklit übte
auch Protagoras Theologie-Kritik:
„Von den Göttern vermag ich nichts festzustellen, weder dass es sie gibt, noch
dass es sie nicht gibt.“ Dieser Satz brachte ihn vor Gericht und an den Rand
des Todes. In Athen wurde ihm der Prozess wegen Gottlosigkeit gemacht. Er wurde
aus Athen verbannt und seine Bücher wurden auf dem Markt verbrannt, nachdem man
sie durch öffentlichen Heroldaufruf allen Besitzern abgefordert und eingezogen
hatte. Auf der Flucht nach Sizilien soll sein Schiff gesunken und der
Siebzigjährige in den Wellen umgekommen sein.
Protagoras vertrat eine Naturrechtslehre, allerdings im Sinne
vom Recht des Stärkeren. Und er lehrte die Gleichheit
aller Menschen (Hellenen und Barbaren, Freie und Sklaven).
Die Hauptleistung des Protagoras bestand aber in etwas anderem: Die ionischen
Physiker hatten die götterfreie Autonomie
der Natur entdeckt; die Sophisten brauchten nur einen kleinen Schritt
weiterzugehen, um zur götterfreien
Autonomie des Menschen zu gelangen. Hier vollzieht sich eine anthropologische Wende. Auto-nom ist,
wer sich selbst den nomos, das Gesetz
gibt. Die Entgöttlichung der Natur machte den Weg frei für den Menschen als
Selbstgesetzgeber. Protagoras
sieht den Menschen allein auf sich und seine Geisteskraft gestellt. Sein
berühmter Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ gilt für unsere Erkenntnis
genauso wie für Recht und Sitte. Diese sind Konvention, Übereinkunft und nicht
naturgegeben.
Philosophische Lehren, die geliebte Glaubenssätze,
die Tradition und Konvention in Frage stellen, führen zu Unbehagen,
Unsicherheit. Feindseligkeit und Hass sind die Antwort der zeitgenössischen
Spießbürger auf solch beunruhigende Thesen.
Etliche Denker wurden als „Ketzer“ Opfer der damaligen
Verfolgungspolitik:
Anaxagoras aus
Klazomenai hatte behauptet, die Sonne sei nur eine glühende Gesteinsmasse. Er wurde auf Betreiben eines Vertreters der
traditionellen gläubigen Bürgerschaft vor Gericht gestellt und zu einer hohen
Geldstrafe verurteilt.
Aristarch von Samos
hatte gelehrt, die Sonne stehe im Mittelpunkt der Welt und nicht die Erde. Man
beschuldigte ihn der Irreligiosität.
Protagoras wurde in
Athen der Prozess wegen Gottlosigkeit gemacht. Er wurde aus Athen verbannt und
seine Bücher wurden auf dem Markt verbrannt.
Auch Aristoteles wurde aus rein politischen
Gründen angefeindet und wegen Gottlosigkeit vor Gericht gestellt. Er entzog
sich dem Urteil durch Flucht.
Das prominenteste Opfer war
jedoch Sokrates – ebenfalls der
Gottlosigkeit angeklagt –, der als erster Philosoph für seine Überzeugung
gestorben ist.
Anaxagoras aus
Klazomenai (etwa
499 - 428 v.Chr.)
Er ist der älteste Atomist. Er ging nämlich davon aus,
dass es kleinste, von uns nicht wahrnehmbare Teile, die spermata, gibt, die ewig
unzerstörbar sind und durch eine Kraft, den nous sich lösen und binden und so
die uns bekannten Dinge ergeben. Der Nous
ist
denkender, vernünftiger und allmächtiger, aber
unpersönlicher göttlicher Geist und erster Beweger (wie wir ihn von Aristoteles kennen).
Alkmaion aus
Kroton (um
500 v.Chr.)
Er bedeutet einen Wendepunkte in der Medizingeschichte: Er wagte als erster, eine
Leichensektion vorzunehmen. Dabei entdeckte er, dass von den Sinnesorganen „enge
Pfade“ (Nervenstränge) ausgehen, die im Gehirn endigen und er schloss daraus,
dass sämtliche Sinnesvermögen irgendwie mit dem Gehirn zusammenhängen und dass
die höchste Kraft der Seele im Gehirn sitze. Dies war eine epochale Entdeckung,
auch wenn sie nicht sofort von jedem angenommen wurde. Noch Aristoteles glaubte, die psychischen
Tätigkeiten seien im Herzen lokalisiert.
Hippokrates
von Kos
(460 - 377 v.Chr.)
Der große und bekannteste griechische Arzt, dessen
Eid die angehenden Ärzte heute noch schwören müssen, gilt als Begründer der
erfahrungswissenschaftlichen und rationalen
Medizin, die ohne Dämonen auskommt. Hippokrates
ist einer der großen Aufklärer der
Denkgeschichte und Mitgestalter des modernen naturwissenschaftlichen Denkens.
Er kämpfte gegen den Aberglauben im Krankenzimmer, gegen Quacksalber und
Scharlatane und vertrieb das Magische aus der Medizin. Selbst die „heilige
Krankheit“, die Epilepsie oder Fallsucht, versuchte er wie andere Krankheiten
auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Von ihm kam auch der Ruf nach dem „mündigen Patienten“. Der Kranke sollte nicht beruhigt werden, vielmehr
sollte er zusammen mit dem Arzt sich gegen die Krankheit wehren. Es galt, die
Heilkraft der Natur behutsam zu unterstützen. Dazu dienten hausbackene Mittel
wie frische Luft, Bettruhe, warme Umschläge, Bäder und Wassergüsse, Wein, Honig
und Wasser, Honig und Essig, Massage, Aderlass und Gerstenschleimsuppe.
Wichtig war für Hippokrates
auch die Erfolgskontrolle – die auch
in der modernen Naturwissenschaft und Medizin gefordert wird. Er war ein
moderner Naturwissenschaftler.
Pythagoras
von Samos (ca. 580 - 496 V.Chr.)
Alles ist nach Zahlen und Proportionen geordnet.
Mathematisierung der
Wissenschaft.
Orphik: Unsterblichkeit und Seelenwanderung.
Parmenides
aus Elea (540 - 480)
Rationalismus. Die Sinne
sind Quelle allen Irrtums. Die Sinnenwelt ist bloßer Schein. Nur die Vernunft
führt uns zur Wahrheit. Denken = Sein. Und: Es gibt kein Werden, nur
beharrendes Sein.
Herakleitos
(Heraklit) aus Ephesos (ca. 544 - 480 v.Chr.)
Alles ist ständig im Werden begriffen. panta rhei.
Kampf ist der Vater aller Dinge. Die Weltvernunft (der Logos)
durchwaltet alles: Naturgesetzlichkeit.
Xenophanes
aus Kolophon (ca. 570 - 480 v.Chr.)
Rationale Anthropologie, Erkenntniskritik.
Götter sind menschliche Projektionen.
Protagoras
aus Abdera (ca. 481 - 411 v.Chr.)
Sophist. Theologie-Kritik. Götterfreie Autonomie des Menschen: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
Alkmaion
von Kroton (um 500 v.Chr.)
Wendepunkt in der Medizin.
Sinne sind mit Gehirn verbunden.
Hippokrates
von Kos (460 - 377 v.Chr.
Rationale Erfahrungsmedizin, Aufklärer, Kampf
gegen Magie und Aberglaube. Naturheilmittel, mündiger Patient und Erfolgskontrolle werden gefordert.
Empedokles aus
Agrigent
(etwa 500 - 430 v.Chr.)
Auch
der Wundermann und Zauberer vom Ätna war in gewisser Hinsicht äußerst modern.
Er war Eklektiker und schuf sozusagen die erste Vereinheitlichte Theorie des
Altertums. Jedes Ding dieser Welt ist für ihn proportional zusammengesetzt aus
Erde, Wasser, Luft und Feuer, also aus vier Elementen oder Ursubstanzen
(Wurzeln, rhizomata).
Das
ist die Urform der chemischen Formel (wie etwa NaCl oder H2O). Die
Chemie des sizilianischen Wundermanns gehört zu den wirkungsmächtigsten
Konzeptionen der griechischen Wissenschaft und hat sich bis tief in die Neuzeit
gehalten, ja taucht in der Esoterik unserer Tage wieder auf. Empedokles hat sogar – Einstein vorwegnehmend – schon
behauptet, Licht breite sich mit endlicher Geschwindigkeit aus. Mehr noch: Ein
erst vor wenigen Jahren in der Straßburger Nationalbibliothek gefundenes 2500
Jahre altes Papyrus-Dokument weist Empedokles
als Stephen Hawking der Antike
aus. Auch bei ihm begann alles mit einem „Urknall“.
Am Anfang waren alle vier Elemente in einer riesigen Himmelskugel, dem Sphairos
harmonisch vereinigt gewesen. Die Blase fliegt unvermittelt auseinander.
Angetrieben vom Streit, der trennenden Urkraft des Universums, beginnen sich
die Grundstoffe abzusondern. Ihr Reinheitsgrad ist anfangs gering. In der Erde
steckt noch viel Wasser und Feuer – nur die Luft hat sich schon völlig
getrennt. Aus diesem Mischmasch lässt Empedokles
alles Leben entstehen. Die Lebewesen sind spezifische Mischungen der Elemente.
Auch den Gedanken einer Evolution
kennt Empedokles: Unter den
Lebewesen entstehen zuerst niedere, dann höhere Organismen, erst Pflanzen und
Tiere, dann die Menschen.
Ebenso
nimmt Empedokles die meist den
Atomisten Leukippos und Demokritos zugeschriebene Bildchentheorie des Sehens vorweg.
Demokritos aus
Abdera (ca.
460 - 370 v.Chr.)
Demokrit scheint wie ein antiker Leibniz das gesamte Wissen seiner Zeit
innegehabt zu haben. Er lehrt, alles bestehe aus Atomen, kleinsten
unteilbaren Teilchen, von gleicher Qualität, unterschiedlich in Form, Größe und
Lage. Durch ihr Vermischen und Trennen entsteht Werden. Die Atome bestehen alle
aus ein und demselben Stoff, einem Urstoff –Neuauflage der milesischen arche. Ein Ding wird ein anderes, wenn
nur ein einziges Atom seinen Platz verändert. Er konnte nicht wissen, wie recht
er damit hatte. Man darf freilich die Lehre vom Unteilbaren, den Atomen des Demokrit nicht mit der heutigen
Atomtheorie vergleichen. Außer dem Namen hat sie mit dieser nicht viel gemein.
Die Atome des Demokrit sind eher
den heutigen Quarks vergleichbar, zumal Demokrit
speziell von „Feueratomen“ spricht, die man modern als Energiequanten interpretieren könnte. Diese Atome sind
unvergänglich und unveränderlich. Durch ihre Zusammensetzung können sie zahllos
viele Welten bilden („Legostein-Modell“), von denen die unsere nur eine ist
(wieder eine „Parallelweltentheorie“).
Die atomaren Vorgänge benötigen keinen
(außenstehenden) planenden und lenkenden Geist, sie geschehen mit „innewohnender“
Gesetzmäßigkeit: Die Welt ist in sich selbst und von sich selbst bewegte
Materie (Das Konzept der Selbstorganisation
wird hier vorweggenommen).
Für Demokrit
gibt es auch keinen Zufall, alle Vorgänge sind streng kausal (ursächlich)
determiniert. Damit bietet die Atomistik
des Demokrit und seines Lehrers Leukippos die erste Formulierung eines
durchgängig mechanischen bzw. kausalen
Weltbildes, das ganz auf dem Gesetz von Ursache und Wirkung aufbaut. Hier
finden wir die erste klare Formulierung des Kausalgesetzes: „Kein Ding entsteht
planlos, sondern alles aus Sinn und unter Notwendigkeit.“
Das war in der Antike ein wichtiger Schritt.
Interessant ist auch die Lehre vom Sehen, welche die
Atomisten entwickelten, die aber von Empedokles
vorweggenommen worden war: Danach geht vom gesehenen Gegenstand ein beständiger
Strom (eine kontinuierliche Welle) von Bildchen (eidola) aus, die ins Auge eindringen. Diese Bildchentheorie kommt dem wirklichen Sachverhalt näher, als man
vermuten möchte: Wissen wir doch heute, dass die Atome der Dinge Lichtquanten
aussenden, die unsere Augen aufnehmen.
Nach Demokritos
besteht auch die Seele aus extrem
kleinen, sehr beweglichen kugelförmigen Atomen. Der Tod ist das Entweichen
dieser mobilen Seelenatome aus dem Körper – und so ist denn die Seele
vergänglich, mit dem Körper geht auch sie zugrunde. Sie zerstreut sich im
Weltall.
Zitat: „Einige Menschen, die nichts von der
Auflösung der sterblichen Natur wissen, quälen sich im Bewusstsein der
schlechten Handlungen, die sie in ihrem Leben begangen haben, ihr Leben lang in
Angst und Unruhe und erdichten sich Märchen
über die Zeit nach dem Tode.“ Der Mensch ohne Jenseits muss sich im
Diesseits einrichten.
Und über den Ursprung des Götterglaubens meint er: „Als die Menschen der Vorzeit die Vorgänge
in der Höhe sahen, wie Donner und Blitz, das Zusammentreffen von Sternen und
die Verfinsterungen von Sonne und Mond, da ließ ihre Angst sie denken,
göttliche Wesen seien die Urheber dieser Erscheinungen.“
Epikuros von
Samos (341
- 270 v.Chr.)
war von Demokrit
beeinflusster Materialist und Freidenker, der auch gegen abergläubische Bräuche
auftrat. Er vertritt eine Lebensauffassung, derzufolge der Weg zum Glück, zum
seelischen Wohlbefinden über den maßvollen Lebensgenuss und die Beherrschung
der Begierden durch den Verstand führt. Eine stille heitere Ausgeglichenheit
macht den Menschen dem Schicksal überlegen. In gepflegten Gärten mit Freunden
schöngeistige Gespräche zu führen, war für Epikur
reinste Quelle des Glücks. Der Tod
wird von ihm bagatellisiert: „Das
schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an, weil, so lange wir sind, der
Tod nicht da ist; ist er aber da, so sind wir nicht mehr.“
Epikur wollte die Menschen von
neurotischen Ängsten und von unbegründeter Furcht befreien. Doch stieß er mit
diesem Ansinnen auf heftige Ablehnung. Die Menschen von irrationalen Zwängen zu
befreien, zu mündigen Bürgern zu erziehen, erregt Ärgernis. Wer nach Samos
kommt, findet von Pythagoras eine
Statue, Büsten aller Größen sind von ihm zu kaufen und überall wird ein Becher des Pythagoras
verkauft. Von Epikur findet man
nichts dergleichen, lediglich ein Straßenname erinnert an den großen unbequemen
Denker.
Empedokles von Agrigent (ca. 500 - 430
v.Chr.)
Alle Dinge sind proportional aus 4 Elementen (Erde, Wasser, Luft, Feuer)
zusammengesetzt. Urform der chemischen Formel!
Demokritos aus Abdera (ca. 460 - 370
v.Chr.)
Alles besteht aus kleinsten unteilbaren
Teilchen, den Atomen, auch die
Seele, die beim Tod zerfällt. Kausales Weltbild, kein Zufall
Epikuros von Samos (341 - 270
v.Chr.)
Freidenker, Materialist
Ethik: Maßvoller Lebensgenuß und
Beherrschung der Begierde führen zu einem glücklichen Leben. Heitere
Ausgeglichenheit macht den Menschen dem Schicksal überlegen.
Der Tod
wird bagatellisiert.
Parmenides
(540 - 480)
vertritt einen Rationalismus. Die Sinne sind Quelle
allen Irrtums. Die Sinnenwelt ist bloßer Schein. Nur die Vernunft führt uns zur
Wahrheit. Denken = Sein. Und: Es gibt kein Werden, nur beharrendes Sein. Diese
Lehre kann (zusammen mit pythagoreischen Gedanken) als Vorstufe zu Platons Ideenlehre angesehen werden.
Sokrates (470 - 399 v.Chr.)
Dieser berühmte Denker war von Beruf ursprünglich
Bildhauer. Mit seiner eher berüchtigten Frau Xanthippe,
dem Urbild des bösen Weibes, hatte er 3 Kinder. Kein Wunder, dass sie ihm böse
war, zog er es doch vor, mit der Jugend am Marktplatz von Athen zu diskutieren
anstatt zu arbeiten und etwas zu verdienen. Sokrates
war vor allem Ethiker. Es ging ihm nicht um die Materie, sondern um den
Menschen. Wir sprechen daher in der Entwicklung des philosophischen Denkens von
einer „anthropolgischen Wende“. (Ein diesbezüglicher Vorläufer
war Xenophanes.) Der Mensch ist von Natur aus gut und soll seinem Gewissen (daimonion) folgen. „Tugend ist Wissen.“ Nur aus Unwissenheit über die Folgen seines
Handeln tut er Böses. Von einzelnen Tugenden ausgehend sucht Sokrates das Wesen der Tugend überhaupt
zu bestimmen. Das war der Ausgangspunkt für die Ideenlehre seines Schülers Platon.
Platon (427 - 347 v.Chr.)
Nach Auffassung des englischen Philosophen Whitehead besteht die gesamte
abendländische Philosophie lediglich aus einer Reihe von Fußnoten zu Plato.
Daraus erkennt man die ungeheure Bedeutung der platonischen Philosophie. Im
Rückblick hat diese in den folgenden 2 Jahrtausenden eine eher unglückliche
Rolle gespielt. Platons Metaphysik
stellt die vorsokratische Philosophie auf den Kopf. Plötzlich sollte die
sinnlich wahrnehmbare Welt nur Schein sein. Zwar hatte schon Parmenides gelehrt, dass wir nur durch
Denken zu wahren Aussagen über die Wirklichkeit kommen können. Und nach Pythagoras ist alles nach
Zahlenverhältnissen geordnet, die Zahl, die Form ist das Wesen der Dinge. Der
große Lehrer des Platon, Sokrates, übernahm diese Lehre von den Ideen oder Formen. Die Idee ist
vollkommen und wirklich, das einzelne hingegen unzulänglich und nur scheinbar. Sokrates suchte, von einzelnen Tugenden
ausgehend, das Wesen, die Idee der Tugend überhaupt zu bestimmen. Platon aber weitet diese Lehre auf alle
Dinge aus. Die irdische Sinnenwelt, die Materie ist nur Abklatsch, ein
schlechtes Abbild der eigentlichen Welt der Ideen im Ideenhimmel. An diese Ideen erinnert sich die Seele von ihrer
Existenz vor der Geburt her und dadurch ist der Mensch imstande, Begriffe zu
bilden. Begriffe bilden heißt sich wiedererinnern (anamnesis). Die Seele
sehnt sich nach der verlorenen Heimat und dies ist die platonische Liebe (eros). Der Leib ist das Grab der Seele (soma – sema wie bei Pythagoras!).
Daher die Materie- und Leibfeindlichkeit
platonischen Denkens, die später über Augustinus
auch ins Christentum Eingang gefunden hat. Bei Augustinus
werden die Ideen Platons zu
Gedanken Gottes, nach denen dieser die Welt geformt hat. Der Mensch ist
eigentlich Seele, die einen Leib nur in Gebrauch hat.
Bei Thomas
von Aquin ist in Anschluss an Aristoteles
die Seele das formgebende Prinzip des Körpers.
Der Platonismus
spielt auch heute noch eine Rolle in der philosophischen Diskussion. Denn es
stehen auch heute zwei Denkrichtungen gegenüber, die von den beiden
grundlegenden Richtungen Materialismus
und Idealismus beherrscht werden.
Im Übrigen hat Platon
auch einen ziemlich brutalen, intoleranten kommunistischen Staat propagiert,
der von negativen Elementen rein gehalten werde muss. Schlapp: „Indem Plato
…den Kindermord empfahl und die Methoden der Viehzucht auf die menschliche
Gesellschaft übertrug, machte er sich einer bedenklichen Verachtung des Menschen schuldig.“
Gegen Ende seines Lebens übrigens scheint Platon von seiner Ideenlehre abgerückt zu sein. In den späteren Dialogen Platons wird die Ideenlehre zunächst
abgelehnt und verschwindet schließlich endgültig. Der alte Platon war anscheinend kein Platonist
mehr. Demgegenüber hat die philosophische Tradition an der Ideenlehre in
verschiedensten Varianten festgehalten und viele denken auch heute noch
unbeirrt in platonischen Kategorien. Schlapp:
„Bis zur Wiederentdeckung des Aristoteles
im 12. Jahrhundert galt Platon als
der Philosoph, an dem Kritik zu üben eine Sünde war. Der platonische
Monopolismus verhinderte über 1000 Jahre lang Fortschritt auf dem Gebiet der
Naturwissenschaften; zudem wandelte sich die dualistische Formel von einer
zweigeteilten Welt und einem zwei-uneinigen Menschen zum heiligen Dogma.“
Aristoteles (384 - 322 v.Chr.)
Der große Schüler und spätere Gegner Platons war ein Universalgenie, das sich
mit allen möglichen Gebieten beschäftigt hat. Viele seiner Theorien (z.B. in
der Physik oder Biologie) haben sich freilich als falsch herausgestellt.
Bleibendes Verdienst des Aristoteles ist die Begründung der Logik, der Lehre vom richtigen Denken.
In seiner Metaphysik wendet er sich gegen die „Weltverdoppelung“ Platons. Die Ideen sind als Formen in
den Dingen. Die Seele ist das formgebende Prinzip des Körpers: Stoff-Form-Metaphysik.
Begriffe bilden wir durch
Abstraktion, durch Absehen von den unwichtigen Eigenschaften der Dinge. Im
Christentum lange als „Heide“ verpönt, wurde Aristoteles
durch Thomas von Aquin in die
kirchliche Lehre aufgenommen. Sein Werk wurde damit zur Grundlage der
mittelalterlichen Scholastik und ist in der katholischen Dogmatik noch heute
wirksam.
Die
3 klassischen Denker
Sokrates (470 - 399 v.Chr.)
Ethik: Der Mensch ist von Natur
aus gut. Böses tut er nur aus Unwissenheit über die Folgen seines Handelns.
Platon (427 - 347 v.Chr.)
Ideenlehre. Irdische Dinge sind nur
Schatten der eigentlichen Welt (Zweiteilung der Welt). Der Körper ist das Grab
der Seele, die sich nach den Ideen sehnt. Verachtung der Materie,
Leibfeindlichkeit. Vom Kirchenvater Augustinus von Hippo in die christliche
Theologie übernommen.
Aristoteles (384 - 322 v.Chr.)
Universalgenie. Entwickelt Logik. Stoff-Form-Metaphysik. Von
Thomas von Aquin ins kirchliche Lehramt übernommen, dort bis heute wirksam.
Sokrates, Platon und Aristoteles,
das große Dreigespann der klassischen
Periode der griechischen Philosophie, haben über verschiedene Schulen
weitergewirkt und wirken bis auf den heutigen Tag. Aber auch die übrigen hier
skizzierten Denker sind auch heute aktuell und haben viele modernen Gedanken
und Theorien vorweggenommen. Sie haben begonnen, die Welt zu entzaubern und
rational zu verstehen und wurden damit zu den Begründern der Philosophie und
Wissenschaft. Platon und teilweise
Aristoteles freilich haben
gegenüber den „Vorsokratikern“ (mit
diesem Begriff tut man Sokrates zu
viel der Ehre an und unterschätzt die altgriechischen Denker der vorklassischen
Periode) eine eher nach rückwärts
gewandte Metaphysik installiert und damit eigentlich den Fortschritt
gehemmt. Dennoch haben sich aus der Philosophie im Laufe der Zeit die
verschiedensten Disziplinen abgelöst, v.a. die Naturwissenschaften. Aber ihren
Ursprung hatten diese Wissenschaften, denen wir im Wesentlichen unsere
Zivilisation verdanken, bei den alten griechischen Denkern, deren Leistung gar
nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ohne sie hätten wir heute vermutlich
eine gänzlich andere Kultur. Ob wir die von ihnen initiierte Wissenschaft und
die darauf basierende Technik immer zu unserem besten anwenden, ist eine andere
Frage.