Wissenschaft
und Pseudowissenschaft
von Alois Reutterer
Heute
feiert der Aberglaube in den vielfältigsten Formen fröhliche Urständ. Es ist
schier unglaublich, was Menschen alles zu glauben bereit sind. Eine Flut von
Disziplinen gibt sich als Wissenschaft aus, so Anthroposophie, Präastronautik,
Atlantologie, Ufologie, Numerologie, Pyramidologie, Kryptozoologie (Yeti- und
Nessie-Forschung).
Esoterisch-mystisches
Denken ist mit wissenschaftlicher Rationalität grundsätzlich nicht in Einklang
zu bringen. Das
heißt, ein Wissenschaftler kann zwar privat meditieren, oder sich mystisch
versenken, er darf dies jedoch nicht mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit
vermischen.
Pseudowissenschaft
ist aus verschiedenen Gründen nicht ungefährlich, z.B. weil sie ein falsches
Bild von Wissenschaft gibt und die Leichtgläubigkeit vieler Menschen ausnützt.
Im
Gegensatz zum bildhaft erklärenden Mythos hat die Philosophie von Anfang an
versucht, die Welt rational zu erklären. Aus dieser Philosophie, wie sie die
alten Griechen schufen, ging eine Wissenschaft nach der anderen hervor. Immer
wieder entstanden aber auch Disziplinen, die wir heute keineswegs als
Wissenschaft ansehen würden, die aber in jener Zeit durchaus den Status einer
Wissenschaft hatten, z.B. die Astrologie. In der Philosophie, bes. im Wiener
Kreis, hat man versucht, Wissenschaft von Nichtwissenschaft abzugrenzen. Als
Paradigma für letztere stand die Metaphysik. Man hat ein Sinnkriterium gesucht, das erlauben sollte, auch weniger
offensichtlichen Unsinn von sinnvollen Aussagen scharf abzugrenzen und damit
wissenschaftliche von metaphysisch-spekulativen Sätzen zu scheiden. Eine Pseudoaussage ist daran zu erkennen,
dass sie nicht verifizierbar ist. Nach Carnap
sind metaphysische Sätze nicht erst sinnlos wegen der fehlenden
Nachprüfbarkeit, sondern bereits weil die darin enthaltenen Ausdrücke ohne
Bedeutung sind. Wegen der Nichtverifizierbarkeit von unbeschränkten Allaussagen
und weil insbesondere alle Naturgesetze sinnlos wären, hat Popper die Verifizierbarkeit durch die
Forderung der Falsifizierbarkeit ersetzt. Sätze, die an der Erfahrung scheitern
können, sind empirisch gehaltvoll und
daher sinnvoll. Heute müssen wohl alle Versuche, ein eindeutiges und immer
anwendbares Sinnkriterium aufzustellen, als gescheitert angesehen werden.
Das bedeutet,
dass es kein einheitliches Kriterium für die Unterscheidung von Wissenschaft
und Nichtwissenschaft geben kann. Wir müssen uns bei jeder zur Diskussion
stehenden Theorie fragen, ob bestimmte Kriterien erfüllt sind, die wir
gemeinhin an Wissenschaft anlegen. Was aber ist eine Wissenschaft? Wenn wir
diese Frage hinreichend beantworten können, müsste es prima facie ein leichtes
sein, davon eine Pseudowissenschaft zu unterscheiden. Aber so einfach ist die
Sache eben nicht.
Für
die Vertreter des logischen Empirismus war klar, dass eine
Wissenschaft, die von Dingen unserer Welt handelt, nur mit Hilfe der
Sinneserfahrung aufzubauen und überprüfbar sei. Demgegenüber kennt der
Metaphysiker nicht nur eine erweiterte
Ontologie („andere“ Wirklichkeiten), sondern akzeptiert auch andere Erfahrungsarten wie Wesensschau, Intuition, Inspiration oder
mystische Versenkung, also innere Erfahrungen, mittels derer er diese andere
Realität glaubt erfassen zu können und auf denen er seine „Wissenschaft“
aufbaut. Es gäbe dann nicht nur einen
Wissenschaftsbegriff, sondern entsprechend anderen zugelassenen Erfahrungsarten
auch neue Formen von „Wissenschaft“, die man z.B. indizieren könnte: W1,
W2, W3...Wn. Man müsste jeweils sagen, von
welcher Art Wissenschaft man gerade spricht. Da so jede beliebige Disziplin
sich »Wissenschaft« nennen könnte,
scheint dieser Weg nicht sehr zweckmäßig. Auch ist es nicht sinnvoll, etwas als
„Wissenschaft“ zu bezeichnen, was nur
einem esoterischen Zirkel vorbehalten bleibt, wo nur wenige Eingeweihte
entsprechende Erfahrungen machen können, wo „Erkenntnisse“ also nicht
intersubjektiv und wo Experimente von vornherein unmöglich sind. Sinnvoller
scheint doch, einen Konsens über einen (weitgefassten) Wissenschaftsbegriff zu
suchen, der Kriterien enthält, die von der Gemeinschaft der Vertreter der
etablierten Wissenschaften allgemein akzeptiert wird, weil sie für ihre Tätigkeit
für wesentlich erachtet werden. Wissenschaft ist wesentlich doch ein rationales
Unternehmen der Menschheit vielleicht das menschlichste und in diesem Sinne
erhabenste.
Eine
zweckmäßige Definition von »Wissenschaft« könnte lauten:
Wissenschaft ist
ein in sich (möglichst!) widerspruchsfreies und kritisierbares System von
intersubjektiv nachprüfbaren Erkenntnissen. Naturwissenschaftliche Theorien
sollten zudem prognostische Relevanz besitzen, also Voraussagen erlauben.
Folgende Minimalkriterien, die für jede Art von
empirischer Wissenschaft gelten sollten, könnten gefordert werden:
·
innere logische Widerspruchsfreiheit (nicht immer
gegeben und vielleicht auch nicht immer möglich), keine fehlerhaften logischen
Ableitungen.
· äußere
Widerspruchsfreiheit: Die Theorie darf mit gut bestätigten anderen Theorien
nicht in Widerspruch stehen.
· Kritisierbarkeit
und Prüfbarkeit (Sind beobachtungsmäßige Folgerungen abzuleiten?)
· Erklärungswert
und prognostischer Relevanz
· ontologische
Sparsamkeit (keine unnötigen, zur Erklärung eines Phänomens nichts beitragende
Begriffe, wie z.B. Entelechie)
· keine
Immunisierungsstrategien (zum Wegerklären von Fehlprognosen oder zum Abblocken
von Kritik)
· „saubere“ Methoden. Häufig finden sich
Paradisziplinen nur deshalb im Sumpf von Pseudodisziplinen, weil manche ihrer
Vertreter (nicht alle!) mit unzulässigen Methoden arbeiten (wie dies v.a. in
der frühen Parapsychologie manchmal geschehen ist).
· Ein schwieriger
Fall sind die Kryptowissenschaften, die sich mit Dingen und Ereignissen
befassen, deren Existenz von der Wissenschaft nach genauen Recherchen nicht
anerkannt wird, für die es jedoch Zeugenaussagen gibt, z.B. für UFOS oder das
Ungeheuer von Loch Ness.
Klar ist, dass natürlich alle diese
Kriterien für Wissenschaftlichkeit auch wieder diskutiert werden können.
Ein kognitives
Feld soll charakterisiert sein als ein Sektor menschlicher Aktivität, der
Erkenntnis anpeilt, gewinnt, verbreitet oder verwendet, gleichgültig, ob diese
Erkenntnis wahr oder falsch ist. In unserer Kultur gibt es hunderte kognitiver
Felder (Logik und Theologie, Mathematik und Numerologie, Astronomie und
Astrologie, Chemie und Alchimie, Psychologie und Psychoanalyse usw.)
Die kognitiven Felder können unterteilt
werden in
Glaubensfelder: Religion,
politische Ideologien, Pseudowissenschaften und Pseudotechnologien (Erdstrahlabschirmung,
Magie) und
Forschungsfelder:
Humanwissenschaften, Formalwissenschaften, Grundlagenforschung, angewandte
Wissenschaften, Technologie (einschließlich Medizin und Recht).
Nach Bunge
ist eine reinliche Trennung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht
möglich. Es ist vielmehr sogar so, dass einerseits auch in Pseudowissenschaften
wissenschaftliche Elemente enthalten sind, andererseits aber auch in der
Wissenschaft pseudowissenschaftliche „Schmutzflecken“, sozusagen intellektuelle Viren stecken können.
Nach Edgar Wunder könnte man die Parawissenschaften unterteilen
in Proto- und Pseudowissenschaften. Während eine Protowissenschaft zu einer
veritablen Wissenschaft werden kann, stagniert die Pseudowissenschaft und ist
nicht entwicklungsfähig. Manchmal nehmen Pseudowissenschaften auch
antiwissenschaftliche Attitüden an, so der Kreationismus.
Da
es kein allgemeingültiges Kriterium für Wissenschaftlichkeit gibt, muss in
jedem einzelnen Fall genau untersucht werden, ob – und wenn ja welche –
Kriterien von Wissenschaftlichkeit von einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft
jeweils verletzt werden. Vor allem sollte beobachtet werden, ob eine Disziplin
„saubere“ Methoden verwendet, ob sie Immunisierungsstrategien verfolgt oder ob
sie die an Erfahrungswissenschaften üblicherweise gestellten Anforderungen
erfüllt.
An
3 Beispielen soll gezeigt werden, wie man bei der „Entlarvung“ einer sich als
Wissenschaft ausgebenden Disziplin vorgehen könnte.
Kreationismus
Der
Kreationismus fundamentalistischer Christen behauptet, die Genesis müsse
wörtlich verstanden werden, die Bibel sei quasi ein naturwissenschaftliches
Buch und die Schöpfungslehre einer wissenschaftlichen Theorie ebenbürtig. Er
versteht sich zwar dezidiert als Wissenschaft, stellt sich aber gegen eine gut
bestätigte naturwissenschaftliche Theorie (die Evolutionstheorie) und ist daher
wohl eher als religiös fundierte Antiwissenschaft
einzustufen. Würde die Evolutionstheorie falsifiziert, so würde das gesamte
naturwissenschaftiche Weltbild zusammenbrechen. Das bedeutet, der Kreationismus
ist eine isolierte „Theorie“ – und das ist typisch für Pseudowissenschaften:
isoliert dazustehen und globale, alleserklärende Erklärungsschemata anzubieten,
die mit gutbestätigten Theorien der Wissenschaften nicht vereinbar sind.
Als
zweites Beispiel möge die Astrologie
dienen.
Da
die Auffassungen früherer Zeiten, Sterne seien Götter oder später, sie würden
eine Art „Schicksalsstrahlen“ aussenden, nicht mehr haltbar sind, versuchen
Astrologen, dem Kunden Exaktheit ihrer Horoskope vorzugaukeln, indem sie diese
mittels Computer berechnen, was den Unsinn aber auch nicht sinnvoller macht. Um
der Kritik, dass es sich um eine Pseudowissenschaft handle, zu entgehen, haben
die Astrologen alle möglichen Tricks versucht. Z.B. nennen sie sich jetzt „kosmobiologische Berater“ und sprechen
statt von „Astrologie“ von „Kosmobiologie“. Bei Prognosefehlschlägen
werden Immunisierungsstrategien verwendet. Noch weiter gehen andere Astrologen,
die das ganze Unternehmen nur symbolisch verstehen wollen. Das hat dann aber
mit der ursprünglichen Astrologie nichts mehr zu tun – auch eine Möglichkeit
der Immunisierung.
Ein schwierigerer Fall ist die Parapsychologie.
Sie untersucht sogenannte PSI-Phänomene wie Telepathie oder
Telekinese. Sofern dies in kritischer Weise mit „sauberen“ Methoden erfolgt,
kann die Parapsychologie durchaus als Wissenschaft im üblichen Sinne angesehen
werden. D.h. hier kommt es darauf an, wie gearbeitet wird. Die Methodik spielt
ja eine wesentliche Rolle für die Entscheidung, ob eine Wissenschaft vorliegt
oder nicht. Man könnte vielleicht eine unkritische oder „gläubige
Parapsychologie“ unterscheiden von einer zu fordernden kritischen Parapsychologie. Sollten die behaupteten Phänomene sich
als inexistent erweisen, so hätten wir es mit einer Kryptowissenschaft zu tun.
Die Scheidelinie zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft
kann weniger durch die Inhalte definiert werden, als vielmehr durch die Art,
wie Hypothesen belegt werden.
Ein
einziges Abgrenzungskriterium kann es nicht geben, dazu sind die
pseudowissenschaftlichen Theorien zu verschieden. Wir müssen daher jede
Behauptung auf etwaige Mängel untersuchen. Eine Hypothese kann aus
verschiedensten Gründen pseudowissenschaftlich sein:
Die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe sei, ist weder
wissenschaftlich noch pseudowissenschaftlich, sondern schlichtweg falsch.
Der Marxismus
war ursprünglich wissenschaftlich, degenerierte aber zu einer
Pseudowissenschaft, als er durch Immunisierungsstrategien ergänzt wurde.
Der Psychoanalyse
scheint gegenwärtig zu widerfahren, zu einer Pseudowissenschaft zu werden, weil
auch sie Immunisierungsstrategien verwendet.
Wir müssen akzeptieren, dass es Grenzen
menschlicher Erkenntnisfähigkeit gibt, die auch Parawissenschaften nicht
überschreiten können. Auch unsere heutigen „wissenschaftlichen“ Theorien
könnten eines Tages als vor-, un- oder pseudowissenschaftlich angesehen werden.
Ein
Patentrezept für die Abgrenzung von Wissenschaft und Nichtwissenschaft gibt es
nicht. Man muss vielmehr in jedem einzelnen Fall sich die verschiedenen
Kriterien für Wissenschaftlichkeit vor Augen halten und dann eine Entscheidung
treffen, ob eine Disziplin in den Kreis der Wissenschaften aufgenommen werden kann
oder nicht. Und es gilt zu beachten, dass viele Disziplinen die einst
Protowissenschaften waren, zu veritablen Wissenschaften mutiert sind, dass aber
umgekehrt auch Wissenschaften von heute vielleicht eines Tages zu einer
Pseudowissenschaft werden könnten. Das bedeutet, dass Wissenschaft auch aus der
Perspektive der Zeitlichkeit und all unser Wissen in seiner Vorläufigkeit zu
sehen ist – was ja dem Popperschen Paradigma der Wissensevolution entspricht.
Literatur
Bunge, M. (1982), Demarcating Science from
Pseudoscience. Fundamenta Scientiae, Vo. 3, No. 3/4, pp. 369-88, Pergamon Press
Eberlein,
G. (Hg.) 1991, Schulwissenschaft – Parawissenschaft – Pseudowissenschaft.
Hirzel, Wissenschaftl. Verlagsges. Stuttgart
Hemminger, H. (Hg.) (1990), Die Rückkehr der
Zauberer. Neuw Age - Eine Kritik
rororo Sachbuch 8712, Hamburg
Laudan, Rachel (Hg.) (1983), The Demarcation between Science and
Pseudo-Science
in: Working Papers in
Science & Technology, Vol. 2
Randow, G. (Hg.) (1993), Mein paranormales
Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis
rororo science sachbuch 9535
Vollmer, G., Wozu
Pseudowissenschaften gut sind.
Argumente aus
Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspraxis.
In: Universitas 2/1992, p 155-168 und
in Skeptiker 4/1994, p 94-101
Wunder,
E., Parawissenschaften – was ist das? In Skeptiker 4/1997, p 125-130