
Wie alles kam
An den Beginn meiner Krankheit kann ich mich
nur noch vage erinnern.
Ich litt unter Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Nackenschmerzen. Diese
Symptome könnten bereits die ersten Anzeichen einer Vertebralisdissektion
gewesen sein, doch mit Sicherheit lässt sich das nicht sagen.
Von meinem Hausarzt wurde ich zum Röntgen geschickt, das die Diagnose eines
Zervikalsyndroms (verschobener Halswirbel) nach sich zog. Mit dieser
Diagnose und den Röntgenbildern suchte ich einen Orthopäden/Chiropraktiker
auf. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was er machen würde, ich wusste nur,
dass er meiner Zwillingsschwester ein Jahr zuvor bei ähnlichen Beschwerden
geholfen hatte.
Und genau da liegt
das Problem: ich hatte keine Ahnung und wurde auch nicht aufgeklärt, weder
über die Art der Behandlung noch über mögliche Risiken, so gering deren
Wahrscheinlichkeit auch sein mochte.
Der Arzt führte ohne Erklärung oder meine Zustimmung einen Handgriff mit
meinem Kopf durch.
Plötzlich begann alles, sich zu drehen und ich musste mich auf die Liege
legen.
Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn in meinen Befunden wird ein so
genannter Jackson-Anfall (ein Anfall, der zunächst nur eine Hirnregion
erfasst und sich dann weiter ausbreitet) beschrieben.
Davon bekam ich nichts mit, die darauf folgenden Ereignisse erlebte ich
jedoch bewusst unter diesem permanenten Schwindel mit.
Der Arzt rief die Rettung und kurz darauf wurde ich geholt und ins KH
Mödling transferiert. Hier finden meine letzten Erinnerungen statt. Ich
wollte meine Mutter anrufen, konnte aber meine Hand nicht richtig bewegen.
Ich sah auch nicht richtig. Von da an ist alles schwarz.
Intensivstation und langsames Erwachen
Im KH Mödling erlitt ich einen weiteren
Anfall und kam nicht mehr zu Bewusstsein. Da ein Spezialist im KH Mödling
den Verdacht einer Vertebralisdissektion äußerte, wurde ich sofort in den
künstlichen Tiefschlaf versetzt und mit Polizeieskorte ins AKH Wien
überstellt.
Dort stellte sich nach diversen Bild gebenden Verfahren heraus, dass der
Spezialist in Mödling Recht gehabt hatte. Es war jedoch schlimmer als
angenommen. Die Dissektion betraf nicht nur eine Vertebralarterie, sondern
beide. Durch die mangelnde Durchblutung hatte ich einen beidseitigen
ischämischen
Hirnstamminfarkt erlitten.
Ich kam sofort auf die Intensivstation, wo in der nächsten Zeit sehr düstere
Prognosen gestellt wurden.
Ich lag im Tiefschlaf und wurde beatmet, und meine Familie wurde darauf
vorbereitet, was alles passieren konnte. Die Ärzte konnten nicht sagen, wie
weit mein Gehirn geschädigt war, und da das Stammhirn für lebenswichtige
Funktionen wie Atmung oder Herzschlag verantwortlich ist, konnte es durchaus
passieren, dass mein Herz einfach zu schlagen aufhörte oder ich nie wieder
selbständig zu atmen beginnen würde.
Gegen Ende meiner Tiefschlafphase wurde ich tracheotomiert, bisher war ich
intubiert gewesen. Das Tracheostoma musste jedoch nie zur Beatmung
eingesetzt werden, da ich entgegen der ärztlichen Prognosen wieder zu atmen
begonnen hatte.
Schließlich, als in meiner linken Vertebralarterie wieder ein zarten
Blutfluss (Flow) zu verzeichnen war, entschied man sich, die
Tiefschlafmedikamente abzusetzen.
Bereits kurz darauf hatte ich meine Augen geöffnet, war aber nicht imstande,
zu reagieren. Ich begann, die Dinge um mich herum wahrzunehmen, Gesprächen
zuzuhören und mich zu freuen, meine Familie zu sehen. Doch alles war extrem
verwirrend, wie z.B. die seltsame Lampe über meinem Bett, an der viele
kleine Geschenke aufgehängt waren. Für meine Umwelt war ich mangels Reaktion
noch nicht "da".
Etwa zu dieser Zeit
stellte ich fest, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich konnte nichts
mehr anheben, keine Arme, keine Beine und auch nicht den Kopf. Ich fragte
mich warum und überlegte, ob ich mir mein bisheriges Leben nur eingebildet
hatte.
Doch je wacher ich wurde, desto mehr war ich zu Reaktionen in der Lage. Ich
konnte nach eineinhalb Wochen meine Augen und meinen Mund auf Befehl öffnen
und schließen und ich dachte bewusst daran, meinen Speichel zu schlucken
statt ihn einfach aus dem Mund rinnen zu lassen.
Schließlich entschied man sich, mich auf die
Neurologie zu verlegen. Hier begann die Frühphase meiner Rehabilitation.