FrührehabilitationSobald ich
auf die Neurologie kam, wurde ich physio- und ergotherapeutisch betreut.
Sabine, meine Physiotherapeutin arbeitete täglich außer Sonntag zunächst
etwa eine halbe Stunde, zum Schluss schon doppelt so lang mit mir und
Stanley, mein Ergotherapeut, kam täglich außer Samstag und Sonntag.
Ich konnte mich nicht bewegen und sprechen konnte ich zu Beginn aufgrund des
Tracheostomas auch nicht. Dennoch entwickelte ich bald eine innige Beziehung
zu meinen beiden Therapeuten. Sie waren für meine ersten Erfolge
verantwortlich. Schon bald strebte Sabine eine sitzende Haltung an und
transferierte mich täglich in einen Rollstuhl. Jeden Tag saß ich ein
bisschen länger.
Beide Therapeuten zeigten unendlich viel Geduld und gingen wunderbar auf
mich ein. So anstrengend die Physiotherapie auch war, ich entwickelte eine
positive Einstellung dazu und strengte mich mit viel Ehrgeiz an.
Als meine Ernährungssonde und auch mein Tracheostoma entfernt wurden, konnte
ich zumindest meine rechte Hand und mein rechtes Bein wieder geringfügig
bewegen.
Die Bewegungsfähigkeit meiner rechten Körperhälfte schien sich täglich zu
bessern, doch links blieb ich gelähmt. Hier ließen die Fortschritte sehr auf
sich warten.
Anfang Juli 2004 wurde ich nach
zweimonatigem Aufenthalt im AKH ins Otto-Wagner-Spital in Wien verlegt, da
im AKH Urlaubssperre gemacht wurde. Einen Monat blieb ich im OWS, ein Monat
voller Depressionen. Ich wünschte mir, nicht mehr aus dem Tiefschlaf
aufgewacht zu sein. Die Behandlung, die mir und meiner Familie hier entgegengebracht wurde,
trug nicht gerade zur Besserung meines seelischen Zustandes bei.
Dennoch machte ich auch hier Fortschritte. Gegen Ende des Monats im OWS
konnte ich bereits ein paar Schritte mit Hilfe gehen und Übungen im Stehen
verrichten. Meine linke Hand und mein linkes Bein waren nicht mehr komplett
gelähmt, obwohl die Fortschritte sich immer noch wesentlich mehr Zeit ließen
als rechts. Mit meiner rechten Hand konnte ich immer mehr Tätigkeiten
verrichten. Besonders stolz war ich, als ich es schaffte, mir die Kordel an
meiner Hose zur Masche zu binden.
Rehabilitationszentrum Meidling
Die dunkle Zeit im OWS war Anfang August
zu Ende, als ich ins Rehabilitationszentrum Meidling verlegt wurde. Hier
begann meine eigentliche Rehabilitation. Ich bekam die beste Physiotherapeutin,
die ich mir wünschen konnte. Ihr Wort war für mich Gesetz und ich strengte
mich in den Therapien besonders an.
Auch mit meinem Ergotherapeuten war ich mehr als glücklich.
Zusätzlich besuchte ich ein Konzentrations- und Ausdauertraining. Zwar hatte
ich keine kognitiven Defizite davon getragen, doch ich hatte noch
Konzentrationsprobleme, die jedoch rasch besser wurden.
Jeden Tag durfte ich nachmittags, wenn
meine Therapien vorbei waren, nach Hause fahren. Meine Depressionen, die zu
Beginn noch genauso stark waren wie im OWS, besserten sich langsam.
Ich verzeichnete am laufenden Band Fortschritte. Jede Woche konnte ich ein
bisschen mehr. Dies habe ich in erster Linie meiner Physiotherapeutin zu
verdanken, doch ebenso meinem Ehrgeiz. Täglich, wenn ich zu Hause war,
trainierte ich weiter. Ich verließ mich nicht nur auf die Therapie. Die
beste Therapie bringt wenig Erfolg, wenn die richtige Einstellung fehlt.
Ich war sieben Wochen lang stationär im RZ Meidling aufgenommen. Andere
Patienten verbringen Jahre dort. In diesen sieben Wochen schaffte ich es
zunächst aus dem Rollstuhl und schließlich ging ich ohne Hilfsmittel
(Rollmobil). Zunächst langsam und unsicher, dann immer sicherer.
Sobald ich gehen konnte ging ich täglich zur Gruppentherapie. Meine
Physiotherapeutin stellte mir ein Übungsprogramm zusammen, das ich für mich
selbst, unter Aufsicht einer Therapeutin, durcharbeitete. Sobald ich zu
Hause war, wiederholte ich das Programm. Ich wage zu behaupten, dass ich die
fleißigste Patientin war. Ich trainierte den ganzen Tag. Und die Belohnung
waren meine Fortschritte. Bald konnte ich meinen linken Arm um 90 Grad gegen
die Schwerkraft heben, schließlich sogar um 180 Grad.
Ich war nach wie vor sehr eingeschränkt, doch seit ich bewegungslos im AKH
gelegen hatte, waren nur wenige Monate vergangen.
Ich litt unter keinen Schluckstörungen mehr wie zu Beginn und meine
Tracheostomanarbe wuchs endlich komplett zu, sodass ich schwimmen gehen
konnte. Welch Erfolgserlebnis, als mir das sogar leidlich gelang.
Mitte September verbrachte ich eine Woche
im LKH Graz, wo ein Aneurysma dissecans, das
sich in meiner rechten Vertebralarterie gebildet hatte, gestentet (Stent:
Ballonkatheder, der über die Leiste eingeführt und durch den eine verengte
Stelle aufgedehnt wird) wurde.
Schließlich wurde ich bald nach meiner
Rückkehr aus Graz in die ambulante Behandlung entlassen, in der ich bis kurz
vor Weihnachten blieb. Nachdem ich in der Anfangsphase meiner Zeit zu Hause
bei meiner Schwester gewohnt hatte, zog es mich bald wieder in meine eigene
Wohnung.
Nach nur knapp acht Monaten war ich soweit wieder hergestellt, dass ich ein
beinahe selbständiges Leben führen konnte.
Ich gehe noch immer regelmäßig einmal
wöchentlich zur Physiotherapie. Die Fortschritte sind inzwischen so klein,
dass man sie kaum mehr sieht, aber ich bilde mir ein, dass sie noch immer da
sind. Und solange ich mir das einbilde, werde ich weiter zur Therapie gehen.
Ich bin nicht mehr so fleißig, wie ich es einmal gewesen bin, aber ich bin
jetzt auch wieder berufstätig und stehe voll im Leben. Ich sitze nicht mehr
untätig herum und habe oft keine Zeit. Das Wichtigste jedoch mache ich noch immer.
Und das wird mir auch in Zukunft nicht erspart bleiben.